Weibliche
Genitalbeschneidung (FGM/C)

FGM/C stellt eine spezifische Form von Gewalt dar, von der ausschließlich Mädchen und Frauen betroffen sind. Es handelt sich somit um eine schwere geschlechtsspezifische Menschenrechtsverletzung, die Betroffene in ihrem Recht auf Leben und körperlicher Unversehrtheit sowie ihrem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung verletzt. Oft geht FGM/C auch mit anderen schwerwiegenden Menschrechtsverletzungen insbesondere im Kontext von Kinderehen und/oder Zwangsheirat einher.

Definition

Weibliche Genitalbeschneidung umfasst nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) alle Eingriffe, bei denen die äußeren weiblichen Genitalien teilweise oder ganz entfernt werden bzw. aus nicht-medizinischen Gründen anderweitig verletzt werden.

Die globale Ächtung dieser schweren Menschenrechtsverletzung findet sich inzwischen in zahlreichen internationalen Konventionen wieder, unter anderem:

Die weltweite Abschaffung dieser schweren Form der geschlechtsspezifischen Gewalt bis 2030 ist von den Vereinten Nationen (UN) als eines der Ziele für nachhaltige Entwicklung definiert worden. In Deutschland ist 2013 mit dem § 226a StGB ein eigener Straftatbestand bei weiblicher Genitalverstümmelung ins Strafgesetzbuch aufgenommen worden, der sowohl die Durchführung, den Versuch als auch die Beihilfe unter Strafe stellt.

Zum Begriff: weibliche Genitalverstümmelung oder weibliche Genitalbeschneidung?

FGM/C ist im Umgang mit Prävalenzgesellschaften und Betroffenen ein überaus sensibles Thema – es ist daher ratsam, die verwendeten Begrifflichkeiten zu reflektieren: Weibliche Genitalverstümmelung benennt zwar die Schwere der Menschenrechtsverletzung. In der Arbeit mit Prävalenzgesellschaften und betroffenen Frauen sollte allerdings der Begriff der weiblichen Genitalbeschneidung verwendet werden: Die meisten Frauen fühlen sich nicht verstümmelt und wollen auch nicht als verstümmelt wahrgenommen werden. Betroffene fühlen sich durch diese Fremdzuschreibung verletzt und stigmatisiert.

Hintergründe

Mehr als 200 Millionen Frauen weltweit sind nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von weiblicher Genitalbeschneidung betroffen. Zudem sind schätzungsweise mehr als drei Millionen Mädchen davon bedroht, beschnitten zu werden. An den körperlichen und seelischen Folgen leiden viele Frauen ein Leben lang. Je nach Ausformung und Tradition sind sie im Laufe ihres Lebens unter Umständen immer wieder mit massiven körperlichen Eingriffen konfrontiert, die in Verbindung mit ihrer Genitalbeschneidung stehen.

Prävalenzregionen: Wo wird FGM/C praktiziert?

FGM/C kommt weltweit und unabhängig von der religiösen Zugehörigkeit vor: von Lateinamerika bis Süd-Ost-Asien mit einem geografischen Schwerpunkt in Afrika, wo in 28 von insgesamt 54 Staaten FGM/C praktiziert wird.

Allerdings gibt es innerhalb der Länder mit FGM/C-Praxis teils große Unterschiede in Bezug auf die regionalen Prävalenzzahlen (Betroffene in Prozent pro Region), sodass die Praxis weniger an Landesgrenzen als an der ethnischen Zugehörigkeit festzumachen ist.

Obwohl die meisten Prävalenzländer FGM/C durch nationale Gesetze unter Strafe stellen, hält sich die Tradition, Mädchen zu beschneiden, auf Grund der wirkmächtigen sozio-kulturellen Hintergründe hartnäckig.

Durch Migrations- und Fluchtbewegungen ist das Thema auch in Europa angekommen. Für Deutschland geht eine Studie des Netzwerkes INTEGRA (Stand 2017) von rund 48.000 betroffenen Frauen und zwischen ca. 1500 und 5700 bedrohten Mädchen aus. Im Mai 2020 stellte Bundesfamilienministerin Giffey eine neue Studie vor, die im Auftrag ihres Ministeriums erstellt wurde. Diese neue Studie verzeichnet einen starken Anstieg der Zahlen – betroffen seien in Deutschland annähernd 67.000 Frauen, die Zahl der bedrohten Mädchen liege zwischen etwa 2.800 und knapp 15.000.

FIM FGMC 02

Prävention, Beratung und Unterstützung

Unser Ansatz: kultursensibel, aber mit klarer Haltung

Zentrales Anliegen ist es, mittels kultursensibler Aufklärungsarbeit das Thema FGM/C zu enttabuisieren und Mädchen vor einer Beschneidung zu schützen. Konkret gefährdet sind Mädchen insbesondere bei einer Reise ins Herkunftsland der Eltern. Bei FIM finden betroffene Frauen kultursensible Beratung und psychosoziale Unterstützung – hierzu haben wir seit 2010 einen eigenen kultursensiblen und proaktiven Beratungsansatz entwickelt, den FIM-Mitarbeiterin Charlotte Njikoufon im folgenden Video vorstellt.

FIM Video Weibliche Genitalbeschneidung

Medizinische und psychologische Betreuung

Bei Bedarf kooperiert FIM mit einem interdisziplinären Hilfsnetzwerk von Ärzten*innen und Therapeuten*innen, um eine gute medizinische und psychologische Betreuung betroffener Mädchen und Frauen zu ermöglichen. FIM arbeitet mit speziell zu FGM/C qualifizierten Gynäkologen*innen zusammen und kann die medizinische Versorgung bis hin zu plastischen Operationen begleiten.

Prävention

Neben der Einzelfallberatung und den Informations- und Diskussionsveranstaltungen in und mit Migrant*innencommunities setzt sich FIM auch in der Öffentlichkeitsarbeit und in Fachgesprächen – z.B. in Familien- und Jugendhilfeeinrichtungen und an Schulen – gegen FGM/C ein und sensibilisiert Fachkräfte, die in ihrem Arbeitsalltag mit (potentiell) betroffenen Mädchen und Frauen in Kontakt kommen.

Vertiefende Informationen

Unser Fach-Dossier vermittelt Hintergrundinformationen zum Thema, stellt die Notwendigkeit eines kultursensiblen Umgangs mit (potentiell) Betroffenen heraus und bietet nicht zuletzt wichtige Informationen für Fachkräfte, um ihre Handlungssicherheit im Umgang mit (potentiell) Betroffenen zu stärken.

Asylverfahren

FGM/C als schwere Menschenrechtsverletzung ist eine Form der geschlechtsspezifischen Verfolgung und somit u. a. ein Grund für Flüchtlingsanerkennung nach der Genfer Flüchtlingskonvention (§ 3 AsylG). Dies gilt insbesondere für Mädchen oder Frauen, die vor einer drohenden Genitalbeschneidung fliehen. Aber auch bereits betroffene Frauen können FGM/C unter Umständen als Asylgrund geltend machen, wenn ihnen ein erneuter Eingriff von außen oder soziale Ächtung (etwa Zweitbeschneidung bei Heirat oder nach Geburt, Ausgrenzung nach Rekonstruktion des weiblichen Genitals…) droht.

Zudem zählen betroffene Frauen auf Grund der erlittenen Menschenrechtsverletzung nach der Aufnahme-Richtlinie der EU als „besonders schutzbedürftig“. Ihnen stehen somit besondere Rechte zu ihrem Schutz und ihrer Unterstützung sowie besondere Verfahrensrechte im Asylverfahren zu.

Grundsätzlich gilt in der Praxis:

  • Die Vortragslast liegt bei der Antragstellerin, d.h. die Frau muss von der erlittenen oder drohenden Genitalbeschneidung berichten
  • Es besteht ein Anspruch auf besonders geschulte Asylanhörer*innen und, soweit möglich, weibliche Dolmetscherinnen
  • Inländische Fluchtalternativen im Herkunftsland müssen ausgeschlossen sein
  • Medizinisches Gutachten zur FGM/C oder Rekonstruktion sollte vorgelegt werden
  • Bei erlittener Gewalterfahrung und Vorliegen psychosomatischer Symptomatik in Folge einer Traumatisierung sollte ein entsprechendes Fachgutachten vorgelegt werden

Für eine Vorbereitung auf die Asylanhörung bzw. eine asylrechtskundige Beratung zum Verfahren sollten immer eine Fachberatungstelle und/oder Fachanwält*innen eingebunden werden.